Der Flüsterfuchs

Flüsterfuchs macht’s möglich: Wacken Feeling in Klasse 5

Die Seminare im Referendariat begleiten den angehenden Lehrer durch das Jahr und geben Studienreferendaren tatsächlich hin und wieder schöne Ideen, Anregungen oder Methoden mit auf den Weg. Auch das „classroom management“ – in Frühzeiten fatalerweise noch als Disziplinierung interpretiert – wurde dabei thematisiert. So kam es auch, dass wir als Möglichkeit der nonverbalen Kommunikation den Flüsterfuchs (auch Schweigefuchs, leiser oder stiller Fuchs bekannt) vorgestellt bekamen. Das musste ich natürlich gleich einmal in der Praxis erproben, aber mit den Reaktionen meiner fünften Klasse hatte ich dann doch nicht gerechnet.

Beim Flüsterfuchs nutzt der Gruppenleiter oder Lehrer ein vorher vereinbartes Zeichen um zu signalisieren, dass er sich Gehör verschaffen möchte. Dazu hebt er eine Hand, streckt Zeigefinger und kleinen Finger und formt aus Mittel- und Ringfinger sowie Daumen ein niedliches Fuchs-Mündchen. Dieses possierliche Tierchen, das eher an Schattenspiele als an Ruhe erinnert, wird dann zum Beispiel von allen Teilnehmer oder Schülern gezeigt, die das Signal gesehen haben. Ich habe ihn als Kommunikationsmittel mit Jugendgruppen kennen- und mögen gelernt. Insbesondere auf weiter Flur, z.B. im Wald oder im Stehkreis, hat er sich bewährt. Der Flüsterfuchs kann dabei natürlich auch von jedem Gruppenmitglied initiiert werden. Einfache Regel:

Flüsterfuchs zeigen und Mund zu.

Der moderne Schüler von heute fragt sich natürlich, warum ausgerechnet ein Fuchs leise sein soll und was er damit zu tun hat. Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass die Schüler meiner 5. Klasse den Flüsterfuchs bereits aus Kindergarten und Grundschule kannten und sich ihre ganz eigenen Gedanken zu der Geste gemacht hatten.

Flüsterfuchs und Headbangen?

Als ich den Flüsterfuchs dann vor einer Instruktion erstmalig einsetzen wollte wurde dies – natürlich vor allem von den Jungen – mit Gegröle und Headbangen  quittiert, während die meisten Mädchen brav ihren Arm hoben und wie wild Zischlaute von sich gaben, um die Jungen ihrerseits zur Ruhe zu verleiten. Die Herren wussten also bereits, dass in anderen Kulturkreisen der Flüsterfuchs durchaus bei Heavy-Metal-Konzerten gepflegt wird und auch abschätzig als Pommes-Gabel bezeichnet wird. Auch nach einer ordentlichen Erklärung und Vereinbarung der Regel zum Flüsterfuchs kam immer wieder Wacken-Open-Air Stimmung auf, sodass ich den Flüsterfuchs schnell wieder in den Tiefen meines Gestenkatalogs begraben habe

Bereits 2012 hat der Comedian Michael Krebs seine Bedenken zum Flüsterfuchs satirisch verarbeitet und zum Boykott des Flüsterfuches aufgerufen – absolut sehenswert!

Und was lernen wir daraus?

Traditionen und Rituale – die für das classroom management unerlässlich sind – brauchen Zeit, bis sie etabliert sind. Sie sollten von der gesamten Lerngruppe gemeinsam vereinbart werden. Die nötige Zeit hat man im Referendariat aber nur bedingt, denn kaum ist man in einer Klasse richtig angekommen, ist man auch schon wieder weg. Das ist vielleicht ein Nachteil des einjährigen Referendariats. Für uns ist es daher scheinbar die bessere Option, bestehende Rituale zu nutzen und zu erweitern, auch wenn die einem nicht gefallen und bedeuten, dass auch Schüler der Jahrgangsstufe 12 vor dem Unterricht stehen und den Lehrer anständig begrüßen.

Anstelle von Heavy-Metal Symbolen – nutze ich jetzt als den universell einsetzbaren Lehrerblick und die wirkungsvolle Stille. Geduld für Stille hat man zwar im Ref meistens ebenso wenig, aber versuchen kann man es ja.

Generell bemerke ich aber, dass mein Lärmschwelle und deren Pegel sich verschoben haben. Inzwischen reagiere ich auf viele Dinge im Klassenraum gelassener und etwas routiniertet. Selbst das Nasenbluten einer Schülerin geht da ziemlich ereignisfrei an einem vorbei. Hätte mich vor einem Jahr noch das Helfersyndrom gepackt:  einleiten der stabilen Seitenlage und sofortiger Erwerb von Tiefkühlerbsen aus dem gegenüberliegenden Supermarkt – begnüge ich mich nun mit minimalinvasiven Interaktionen und schon ist die betroffene Schülerin im Sekretariat verschwunden.

Das eine Jahr des Referendariats vergeht sehr schnell – zu schnell? Wie soll man da ein guter Lehrer werden, habe ich mich noch vor ein paar Wochen gefragt. Aber auch das betrachte ich inzwischen mit etwas mehr Gelassenheit. Es wird schon geklappt haben und schließlich der Lernprozess bei weitem noch nicht abgeschlossen.

Die Problematik, dass der Flüsterfuchs in anderen Regionen Europas gänzlich anders verwendet wird – auch in zweifelhaften Milieus – und auch als mano cornuta (gehörnte Hand) bekannt ist, widmet sich sogar ein Eintrag in der Wikipedia. Es bietet sich als an, mit den Schülern ein eigenes Zeichen und Ritual zu vereinbaren, damit gelungenem classroom management nichts im Wege steht.

 

Bildquelle: „Schweigefuchs“ von Leineabstiegsschleuse – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC0 über Wikimedia Commons

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4 Kommentare

  • Eric

    Das mit Michael Krebs ist der Hit ….! 😀
    An meiner Generation ist der Flüsterfuchs vorübergegangenn.
    Und das ist gar nicht schade!!

  • phelea

    Der helle Wahnsin. Wir haben im Seminar den Flüsterfuchs kennengelernt und er wurde uns absolut empfohlen. Wir mussten als Studierende so darüber lachen, aber komischerweise hat er funktioniert. Ich musste das gerade allen meinen Kommilitonen schicken. das weckt Erinnerungen an ein Semianr bei einem ganz speziellen Dozenten. 🙂
    Danke für den Beitrag

  • Herr Jott

    Ich hab ihn in meiner letzten Stunde meines Refs in der sechsten Klasse auch noch einmal ausgepackt – und es ging tatsächlich. Freut mich, dass euch der Beitrag gefallen hat.

  • forrest

    Vor allem den letzten Absatz sollten sich alle zu Herzen nehmen, die den Fuchs einsetzen möchten. Dieses Handzeichen verwendet die rechtsextreme, türkische Partei „graue Wölfe“. Man sollte also durchaus zweimal überlegen, ob man dieses Zeichen in seinem Klassenraum etablieren möchte.

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