Hochsensibilität

Hochsensibilität in der Schule

Wahrscheinlich schlagen jetzt einige Lehrer voller Verzweiflung die Hände über dem Kopf zusammen, weil neben ADHS ein weiteres Arbeits- und Diagnosefeld aufgemacht wird, nämlich die Hochsensibilität (HS). Doch keine Sorge. In diesem Gastbeitrag von Christin von  neugeistig.de erfahrt ihr, was Hochsensibilität ist, welche Auswirkungen sie auf den Alltag von Schülern haben kann und wie einfach es ist, als Lehrer darauf einzugehen und HS als Chance zu begreifen. Dazu soll dieser Beitrag einen Einblick geben und sensibilisieren.

Hochsensibilität wird auch als Hochsensitivität, Hypersensibilität oder Überempfindlichkeit bezeichnet und ist ein sehr neues Feld in der neurologischen Forschung und der Psychologie. Ca. 20% aller Lebewesen (also auch Tiere) sind hochsensibel. HS ist keine Krankheit, kein Syndrom, sondern eine Veranlagung, die vererbt wird. Wenn ein Kind hochsensibel ist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass auch ein Elternteil diese Veranlagung besitzt. Die Psychologin Dr. Elaine Aron gilt als Pionierin rund um die Forschung über HS. Ihre Bücher:  „Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen“ und  „Das hochsensible Kind: Wie Sie Auf Die Besonderen Schwächen Und Bedürfnisse Ihres Kindes Eingehen.“ gelten als Standardwerke zu diesem Thema.

Die ständige Reizüberflutung

Hochsensible Kinder neigen dazu Geräusche, Gerüche, Mimik, Gestik viel intensiver wahrzunehmen als die meisten ihrer Mitmenschen und als andere Kinder in gleichen Alter. Es kann somit sehr schnell zu einer Reizüberflutung kommen. Die Reaktionen darauf können sehr unterschiedlich sein. Zum einen können sich hochsensible Kinder schnell zurückziehen, aus Müdigkeit oder mit Hyperaktivität reagieren und sogar aggressiv werden. Häufig wird HS deswegen auch mit ADHS verwechselt. Es gibt sehr viele verschieden Ausprägungen von HS, manche Menschen reagieren sehr einfühlsam und kreativ, andere fangen sehr schnell an zu weinen, wiederum andere mögen keine Menschenmengen usw. Deswegen gestaltet sich die Einordnung und das Erkennen oftmals schwierig. Es gibt inzwischen einige Fragebögen mit denen Lehrer und vor allem auch Eltern einen ersten Ansatzpunkt erhalten können, ob ihr Schüler oder Kind hochsensibel ist. So zum Beispiel auf diesen Seiten des Schweizer Pressebüros Kohlenberg.

Während einer Unterrichtsstunde verarbeitet das Kind demnach sehr viele Eindrücke. Ein Beispiel: Jonas, der Banknachbar, trommelt ständig mit seinem Lineal auf dem Tisch, zeitgleich werden auf dem Schulflur Möbel hin und her gerückt, um das Schulfest vorzubereiten. Zudem ist da noch die beste Freundin Lena, die die ganze Zeit böse schaut und einen in der Pause nicht auf dem Smartphone mitspielen lassen hat. Und dann kommt vielleicht noch Niklas dazu, der vor einem sitzt, und nie seine Brotbüchse richtig zumacht, sodass der Geruch von Leberkäse in der Luft hängt. Wenn der Lehrer nun noch unangekündigt einen Test schreibt kann es sein, dass ein Hochsensibler in diesem Test sehr schlecht  abschneidet oder vielleicht sogar anfängt zu weinen. Schließlich hat er eigentlich schon eine Menge zu tun und zu verarbeiten.

Ich kann davon ein Lied singen, weil ich mich selbst als einen hochsensiblen Menschen sehe und speziell in meinem Fall besonders auf Geräusche und Gerüche reagiere. Die Schulzeit habe ich nicht sonderlich gemocht, weil mich besonders ungewohnte, neue Situationen sowie Prüfungssituationen gestresst haben. Auch die Stimmungen der Lehrer haben mich sehr verunsichert. Ich würde mich selbst eher als einen Spätzünder bezeichnen und denke immer lieber gründlich über alles nach, bevor ich reagiere. Das ist prinzipiell nicht schlecht, in Prüfungssituationen jedoch, ich denke da besonders an meine mündliche Abiturprüfung, eher ungünstig.

Angst vor Veränderungen

Hypersensitive Schüler benötigen feste Rituale und haben ein hohes Sicherheitsbedürfnis. Unvorhergesehene Dinge werfen sie schnell aus der Bahn, darum können zum Beispiel Schulfeste, Klassenfahrten oder auch Schulwechsel für sie sehr unangenehm sein.

Der Stempel des grauen Mäuschens

Jeder Lehrer hat sicherlich so seine Erfahrungen mit Schülerinnen und Schülern, die relativ weit vorne sitzen, teilweise gute Noten schreiben, sich aber nie melden oder etwas zum Unterricht beitragen. Es muss nicht zwangsläufig Schüchternheit und Introvertiertheit sein, die dazu führen. Ein hochsensibles Kind verbringt einen Großteil der Zeit damit, die nervliche Überregung zu verarbeiten. Es kann durchaus sein, dass ein hypersensibler Schüler sehr aktiv, tiefgreifend und komplex mitdenkt. Auf Vorwürfe und Ermahnungen reagieren Hochsensible gestresst und sehr häufig auch mit einem enormen Schamgefühl.

Hochsensibilität ist kein Makel, im Gegenteil

Überempfindliche Kinder sind mitunter sehr beliebt in der Klasse, wenn das Klassenklima stimmt, weil sie als sehr empathiefähig gelten. Ihre Feinfühligkeit hilft ihnen vor allem in sozialen Interaktionen. Ein hochsensibler Schüler wird wahrscheinlich merken, wenn man als Lehrperson vorher Streit mit seinem Partner hatte. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch, dass Hochsensitive zum Grübeln neigen können und sich deswegen vielleicht nicht mit der eigentlichen Aufgabe beschäftigen. Die Fähigkeit Entscheidungen zu fällen, liegt ihnen nicht sehr gut, was sich besonders später in der Abiturphase bemerkbar macht, wenn es beispielsweise um die Studiums- oder Berufswahl geht. Grundsätzlich ist ein Großteil der hochsensiblen Menschen sehr kreativ und hat durchaus eine ausgeprägte Fantasie. Sie sind sehr gewissenhafte Arbeiter, wenn ein angenehmes Arbeitsklima herrscht.

Es liegt also nahe – auch ohne das Wissen über hochsensible Schüler in der Klasse – Entscheidungsprozesse zu üben, je nach Komplexität Entscheidungsmöglichkeiten anzubieten oder Spaß an Entscheidungen zu fördern. Eine gute Methode stellen hierbei möglicherweise  Stimmungs- oder Entscheidungsbarometer dar. Gleichermaßen liegt in der Emphatiefähigkeit eine Chance für jeden Unterricht, die jedem schnell klarmachen sollte, dass Hochsensibilität keinesfalls als Makel verstanden werden sollte.

Spezialisten und Generalisten

Überempfindliche Schüler können einerseits spezielle Begabungen besitzen, zum Beispiel im musischen Bereich, und sind damit auch immer wieder über dieses spezielle Interesse zu motivieren. Schwieriger wird es bei Generalisten, die vieles können, aber an nichts so richtig wahres Interesse zeigen. Deswegen können sie durchaus mit Desinteresse im Unterricht reagieren.

Hochsensibilität und ADHS

HS hat nichts mit ADHS zu tun. HS ist eine Veranlagung und damit kein Syndrom. Die Überreizung kann zu ADHS ähnlichen Symptomen führen, allerdings verschwinden diese, wenn sich das Kind in einer für sich angenehmen Situation und in perfekter Balance von Über- und Unterreizung befindet. Ein großer Anteil der ADHS-Kinder kann jedoch hochsensibel sein.

Die Gradwanderung als Lehrer

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich die HS gerade in der Schule als sehr belastend empfunden habe, besonders wenn ich mich nicht ernst genommen fühlte. Ich hätte mir zu meiner Schulzeit, egal ob hochsensibel oder nicht, etwas mehr Fingerspitzengefühl und eine Begegnung auf Augenhöhe gewünscht. Allerdings weiß ich heute, dass ich als hochsensibles Kind nur eines von vielen Kindern in einer Klasse war und der Lehrer nicht zu jeder Zeit auf jeden Einzelnen eingehen konnte. Grundlegend wichtig finde ich, ein Bewusstsein für HS zu schaffen und es auch im hektischen Schulalltag Gehör findet. Meiner Meinung nach liegt die Verantwortung zunächst bei den Eltern, die nur in Zusammenarbeit mit den Lehrern auf ihre hochsensiblen Kinder eingehen können. Viele hypersensible Kinder kennen ihre Reizschwelle gar nicht, vielleicht weil Eltern und auch Kinder gar nicht wissen, dass sie hochsensibel sind. Deswegen sind kurze Pausen wichtig und es ist hilfreich eine Möglichkeit zum zurückzuziehen zu gewähren. Die kann bereits wahre Wunder bewirken. Da überempfindliche Kinder mitunter sehr emotional reagieren oder schnell weinen, können sie durchaus zu Opfern von Schulmobbing werden. Die Integration eines hypersensiblen Kindes in die Klasse ist deshalb enorm wichtig. Vielleicht kann es aufgrund seiner Feinfühligkeit sogar bei Problemen in der Klasse als Vermittler eingesetzt werden und so seine Stärken zeigen. Wichtig ist zudem die Entscheidungsfreudigkeit zu schulen und die Kreativität zu fördern, zum Beispiel durch das  Schreiben von Gedichten, malen und singen, was das Selbstbewusstsein eines hochsensiblen Kindes pushen kann. Erfolgserlebnisse sind im Zusammenhang mit HS von enormer Bedeutung.

Kommentar von Herr Jott: Grundlegend macht man also mit einem guten Unterricht (z.B. Kriterien  guten Unterrichts nach Meyer), insbesondere mit einer klaren Strukturierung von Unterricht, vieles richtig. Die Nutzung von Ritualen und die Schaffung eines guten Klassenklima und classroom managements bekommt ebenso eine erhöhte Bedeutung und kommt allen Schülern zu Gute. Das Wichtigste ist jedoch, die Hochsensibilität nicht als weitere Aufgabe und Last zu begreifen, das ist sie keinesfalls. Wenn ihr diesen Beitrag gelesen habt, mit ausgespreizten Fühlern im Klassenzimmer arbeitet und Kollegen etwas davon erzählt, ist das ein prima Anfang.

Habt ihr bereits Erfahrungen mit hochsensiblen Schülern und Schülerinnen gemacht? Wir würden uns über eure Kommentare freuen!  

Wir hoffen, euch hat der Gastbeitrag von Christin gefallen. Schaut doch auch einmal auf ihrem Blog neugeistig.de vorbei, ihre Themen sind Yoga, Achtsamkeit und Gesundheit.

BildquellePixabay

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