Rauchmelder

Protokoll einer etwas anderen Lehrprobe: Ich bin ein Präzedenzfall

Die Unterrichts-Lehrprobe ist für Studienreferendare wohl die gefürchtetste Prüfung. Es wird wochenlang geplant und vorbereitet, eine ausführliche Unterrichtsvorbereitung geschrieben und doch ist nichts vorhersehbar. Ein Beitrag darüber, wie eine Prüfungslehrprobe im Fach Mathematik verlaufen kann, wenn Bauarbeiten und Rauchmelder wechselwirken, kommt von Gastautor WIS.

Und der Gesetzgeber sprach: Prüfungen sollt ihr ablegen. Sechs an der Zahl.
Drei mündliche Prüfungen, eine Beurteilung durch den Schulleiter und schließlich zwei Lehrproben. Das ist Showunterricht vom Feinsten für die netten Gäste. Im Alltag des Lehrerlebens kaum umsetzbar, dazu gibt es Tee und Kekse für die Prüfer. Für den Studienreferendar bedeutet so eine Lehrprobe aber eigentlich nur eines: Stress! Mehr als eine Woche Planung. Mehrere Tage Schreiben eines Pamphletes, das innerhalb von 45 Minuten von den Prüfern verschlungen werden muss.

Der Abend vor der Lehrprobe. 19:37 Uhr, über eine Stunde nach der selbst gesetzten Deadline. Die Vorbereitung ist geschafft, vorerst. Drucker und Tintenpatrone waren mir freundlich gesonnen. Für den Abend blieb nur noch ein kurzes Abendessen und die Gemeinschaftsaufgabe in der WG etwa 2500 Streichhölzer aus ihren Schachteln zu befreien. Anschaulichkeit im Unterricht: Ja! Fahrlässiger Umgang mit Gefahrenquellen in Schülerhand: Nein! Da nur die Schachteln benötigt wurden hieß es also: Schachtel auf, Hölzer raus, Schachtel zu.

Dienstag früh, nach einer kurzen Nacht, 5:30 Uhr. Füünf Uuuhr Dreiißig. Man will ja früh in der Schule sein, noch die Kopien und Folien ziehen, den Raum vorbereiten, Material bereitlegen. Also hieß es: Duschen, Frühstück, fertig Machen. Dazwischen der Fehler nochmal ins Pamphlet zu schauen. Bereits beim ersten Durchblättern springen einem die übersehenen Fehler ins Auge. Erneut drucken? Jetzt nicht mehr! Ab in die Schule.
Bereits am Kopierer bekam das Selbstvertrauen erste Risse. Es gelang gerade so noch der Abbruch, bevor der Kopierer das vorbereitete Arbeitsblatt im Din A3 Format zum Tapezieren der Schülerbänke ausspucken konnte. Die restlichen Kopien verliefen erfolgreicher. Denkt man. Gott, Allah, Jahwe oder irgendjemand anders war dagegen. Zurück im Vorbereitungszimmer musste ich feststellen, dass ich zwar nicht das Arbeitsblatt in 27-facher Ausführung besaß, dafür aber das Erwartungsbild. Da ein bereits ausgefülltes Arbeitsblatt bei Schülern nur einen begrenzten Lernzuwachs erwarten lässt, ganz zu schweigen davon, dass es dann an jeglicher Eigenleistung fehlt, hieß es: Erneut zum Kopierer. Diesmal erwischte ich das richtige Arbeitsblatt.

Danach hieß es den Raum vorbereiten. Tafel noch mal Wischen, Material aufbauen, usw. Dabei fiel mein Blick aus dem Fenster. Die Bauarbeiter/Bauarbeiten, welche die letzten anderthalb Wochen geruht hatten, waren wieder da. Doch nicht nur die, sondern auch Presslufthammer und Steinschneider und der Lärm, welcher mir schon im vergangenen Halbjahr so manche Stunde verhagelt hatte. Ein kurzes Gespräch mit den rohen Männern der körperlichen Arbeit brachte das Ergebnis, dass der Vorarbeiter gegen 11 Uhr fertig sein wollte, der Mann am Presslufthammer sich bemühen würde zügig fertig zu sein, das Steinschneiden während der nächsten Stunden jedoch nicht zu verhindern sei. Mir blieben nicht einmal mehr 55 Minuten die Situation zu klären. Beim Betreten des Gebäudes traf ich meine Prüferin und den Stellvertretenden Schulleiter, welchen ich postwendend um einen Zimmertausch ersuchte. Da ein Zimmertausch von einer auf die andere Stunde für ihn nicht in Frage kam, konnte er mir nur ein anderes Zimmer anbieten, welches jedoch aufgrund der Tischkonstellation und der anderen Tafel für meinen geplanten Stundenablauf nicht zu gebrauchen war. Dann eben Augen, korrekterweise Ohren, zu und durch. Dass die Umstände unter denen seit bald einem Dreivierteljahr dort an der Schule gelehrt und gelernt werden muss beim besten Willen nicht angemessen sind, ist bekannt, aber muss hingenommen werden.

9 Uhr: Noch zehn Minuten dann beginnt die Pause und meine Schüler werden angeströmt kommen. Ein ungutes Gefühl beschleicht mich. Irgendwas ist anders. Was ist hier, was vorher nicht hier war? Nichts! Was war vorher hier, was jetzt nicht mehr da ist? Der Lärm! Die Bauarbeiter sind nicht mehr zu sehen. Das gab Hoffnung.

Und die Hoffnung starb, zwar zuletzt, aber letztendlich doch. Pünktlich zum Stundenklingeln konnte man wieder das Gekreische des Steinschneiders vernehmen. Ich zog den Stundenanfang wie geplant durch. Begrüßung, Vorstellung der Prüfer, Tägliche Übung, Zielorientierung, Erarbei… whiiiuuwhiiiuu whiiiuuwhiiiuu…
Im ersten Moment ahnte ich nicht, was dieses Geräusch noch für Konsequenzen haben sollte. Dem Genie im Chaos gleich, was meine Lebenssituation nicht erst seit Beginn des Referendariates vortrefflich charakterisiert, hob ich die Stimme. „Jacken anziehen, und geordnet den Raum verlassen“. Ich griff das Klassenbuch, schob mich vor zur Türe und wies einen im Unterricht eher durch Unaufmerksamkeit glänzenden Schüler an die Führung zu übernehmen. Diesmal glänzten seine Augen und zwar vor Begeisterung. Verantwortung war für ihn eine ganz neue Erfahrung. Geordnet verließen wir das Schulgebäude. Da ich für die Klasse verantwortlich war, verlor ich die Prüfer kurzfristig aus den Augen. Auf dem Flur reichte mir eine Kollegin mit Freistunde freundlicherweise meine Jacke und kurze Zeit später erreichten wir als erste Klasse den Sammelpunkt. Kaum angekommen tauschte die Jacke schon den Träger, denn eine der Schülerinnen hatte ihre eigene im Spind zurückgelassen. Weniger gelassen sah ich den kommenden Minuten entgegen. Aus der Erfahrung des vergangenen Donnerstags, ebenfalls ein Feueralarm, ebenfalls, wie sich für diesen Fall noch herausstellen sollte keine Übung, wusste ich, dass wir uns alle zusammen auf etwa 15-20 Minuten Kälte einstellen konnten. Die Klasse blieb diszipliniert an einer Stelle und unterhielt sich mit benachbart stehenden Schülern. Um die Kinder abzulenken, man weiß ja auf was für Ideen Kinder kommen können, wenn sie nichts zu tun haben, scherzte ich ein wenig mit ihnen herum. Dabei stellte sich zu meiner Verwunderung und auch ein wenig Stolz fest, dass die Mathestunde es bei meiner Klasse beim Ranking um die beliebtesten Feueralarmübungszeiten nicht in die Top 3 schaffte. Platz 1 nahm Kunst ein.
Durch gelegentliche Zählübungen vergewisserte ich mich der Vollzähligkeit der Klasse. Für die Zukunft: Kinder selber nach der Klassenliste zählen lassen. Denen fällt sowie so schneller auf wer fehlt. Man selber beginnt nur hektisch mit den Augen umherzusuchen. Währenddessen erhielt ich immer wieder Mitleidsbekundungen von Kollegen. Ich nahm es in dem Moment gelassen. Frei nach dem Motto: C’est la vie. Und ändern konnte ich an der Situation nichts.
Es hätte mich stutzig machen müssen, dass die Prüferin die ganze Zeit mit ihrem Handy beschäftigt war, doch die Schüler forderten meine Aufmerksamkeit. Nach den erwarteten 20 Minuten konnten wir das Schulhaus wieder betreten. Steinstaub des Steinschneiders war durch ein offenes Fenster in einen Flur gelangt und hatte dort den Rauchmelder ausgelöst, wie ich später erfahren würde.

Wieder im Klassenzimmer verließ  die Prüferin den Raum, während ich die Schüler nach nur wenigen Minuten zur Ruhe gebracht hatte und unter den Augen des Prüfungsvorsitzenden den Unterricht fortsetzen konnte. Schon jetzt flogen in meinem Kopf Gedanken durcheinander, wie die Stunde noch zu einem runden Abschluss zu bringen sei. Kurze Entscheidung: das zweite Stunden Thema wird gekippt, dafür das erste noch gerade so geschafft. Nach wenigen Minuten erschien di e Prüferin wieder auf der Bühne, immerhin stehen Tafel und Lehrerpult auf einem etwa 30 Zentimeter hohen Podest, sodass dieser Vergleich mehr als angebracht schien, und teilte mir mit, dass das Prüfungsamt auf Abbruch der Prüfungslehrprobe entschieden hätte. Ich nickte nur kurz und setzte den Unterricht fort ohne die Schüler zu informieren. Die Stunde lief gut und dank der gedanklichen Umstellübungen kam die Stunde mit dem Stundenklingeln nicht nur zeitlich zu ihrem Schluss.

Nach dem wöchentlichen Prozedere nur die Kinder, welche in der Mensa zu Mittagstisch sitzen würden, gehen zu lassen und einer Runde Bankrutschen für die restlichen Schüler, verabschiedete sich der Prüfungsvorsitzende und die Prüferin lud mich zu einer kurzen Auswertung und Erklärung ein.
Sie erklärte mir die Situation und dass sie nach Rücksprache mit dem Prüfungsamt nur so hatte handeln können.“Sie sind ein Präzedenzfall. Das ist mir in all den Jahren noch nie passiert“. Ich nickte nur und bat nach der Auswertung wenigstens um die Einschätzung hinsichtlich einer Note. „Es wäre wohl wahrscheinlich eine 2,0 geworden“
Nächster Versuch in zwei Wochen. Jubelstimmung!

 

Bildquelle: Stefan (flickr)

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