Unterricht im Freien

Unterricht im Freien: Der Würfel hat entschieden!

Der Sommer ist da und da wird es auch einmal Zeit für ein sommerliches Thema. Denn bald schon ist Halbzeit meines einjährigen Referendariats und mit jedem Tag wächst die Sicherheit im Umgang mit den Schülern. Da kann ich Unterricht doch ruhig mal impulsiv planen und mein Konzept 15 Minuten vor Unterrichtsbeginn umschmeißen, oder?

Der kurze & lange Freitag

Der letzte Wochentag ist bei mir der kürzeste und längste zugleich. Ich habe nur eine Unterrichtsstunde zu unterrichten, diese aber in der 7. Stunde. Nach den Wochen des Aprilwetters im Mai konnten sich alle Beteiligten im Mikrokosmos Gymnasium endlich wieder über schönes Wetter freuen. Bei mir führten dies zu spontanen Eingebungen und Gefühlsschwankungen der Art, dass ich feststellen musste, gar keine Lust auf Unterricht in einem kleinen, warmen, stickigen Raum zu geben. Immerhin ist’s die 7. Stunde und da sind Schülerinnen und Schüler ja bekanntlich noch einmal zusätzlich motiviert. Doch eine Lösung ist in Sicht: nicht umsonst habe ich mir 120 Würfel für den Mathematikunterricht (vom eigenen Geld) gekauft – die kleinen Holzklötzchen wollen benutzt werden. In den vergangenen Wochen wurde ich schließlich immer wieder vor dem Unterricht mit  dem verständlichem Wunsch nach Unterricht im Freien bedrängt:

Ääähm, Herr Jott, können wir den Unterricht heute nicht draußen machen?

Ein kurzer Faktencheck vor der Stunde verriet mir dann, dass ich den Unterricht dank Kopien tatsächlich ins Unüberdachte verlagern konnte – warum also nicht? Die Schüler sollten sich schließlich nur kurz den Satz von Bayes herleiten und fleißig üben. Doch so einfach wollte ich es den Schülern im Stochastik-Unterricht nicht machen – der Zufall sollte entscheiden. Ein Schüler bekam das Schicksal des gesamten Kurses in die Hand gelegt – bei einer 6 war der Weg nach draußen frei. Der Druck war immens und er würfelte natürlich…. die 6. Mit den anderen 83% hätte ich wenigstens wie der nette Lehrer von nebenan dagestanden, so wirkte es dann aber, als hätte ich eine Wette verloren. Aber ich wollte ja selber rausgehen – selber schuld!

Unterricht im Freien – Ganz neue Probleme

Draußen angekommen kamen dann aber unerwartete Probleme, die es zu lösen galt:

Ooooohhhh…. hier ist’s viel zu warm. Können wir nicht doch wieder reingehen?

oder …

Aber bitte im Schatten, ja Herr Jott?

Bleibt die Erkenntnis, dass man es selbst mit der ultimativen Erfüllung von Schülerwünschen nicht allen recht machen kann. Der schattige Platz auf dem Schulhof war schnell erspäht, ganze 2 Quadratmeter groß und damit viel zu klein für den Kurs. Aber der Würfel hatte ja entschieden, da müssen dann alle durch.

Stundeninhalte ade?

Der Unterricht selbst verlief erstaunlich ruhig und konzentriert. Dank des immanenten Wunschs der Schüler, die Übungsphase im Schatten zu bewältigen, ging die Erarbeitung umso zügiger. Auf den gesamten Schulhof verteilt haben dann alle Schüler in Gruppen viel konzentrierter und motivierter gearbeitet, als das im Klassenraum der Fall gewesen wäre. Dazu hat meine blasse Haut noch etwas Farbe bekommen – man könnte meinen, dass sollte man immer machen. Besser nicht! Im Referendariat kann und sollte man sicherlich einiges ausprobieren und allerhand Erfahrungen sammeln. Wenn es sich anbietet und Sitz- und Arbeitsmöglichkeiten für die Schüler im Freien vorhanden sind, umso besser. Die zusätzliche Motivation ist erfreulich, würde aber bei Wiederholungen schnell verpuffen und darin resultieren, dass die Schüler einen Anspruch an den Unterricht stellen, der keinem nützt. Das Experiment kann man also unter dem Motto „Hab‘ ich mal gemacht – war ganz nett – kann man wieder machen wenn’s passt.“ verbuchen.  Aber wer weiß schon, wann mich die nächste Laune überfällt und worin diese dann resultiert. Zu meiner Verteidigung muss ich allerdings noch anfügen, dass diese Unterrichtsstunde vor der Hitzewelle stattfand, die zurzeit die Freibäder füllt und die Schüler mit Hitzefrei  beglückt. Hitzefrei gibt es an meiner Ausbildungsschule nicht – bei uns heißt es Kurzstundenplan. Dennoch sind die Schüler dank verkürzter Unterrichtseinheiten vor dem Mittagessen wieder zu Hause, wenn es im Schulhaus unerträglich warm wird. Somit fallen im Hochsommer immerhin nicht immer die letzten paar Stunden aus, die sowieso zu den Dankbarsten des Berufs gehören. Bevor also die Frage auftritt:

Nein, ich habe die Schüler nicht in Brathähnchen verwandelt und zugelassen, dass sie einen Sonnenbrand bekommen.

In dieser Woche sollte ich es dann aber vielleicht doch lieber mit Stieleis probieren, anstatt von Unterricht unter dem freien Himmel – ist zwar auch keine fachspezifische Motivation – schmeckt aber viel besser.

 

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2 Kommentare

  • Eric

    Oh ja, in der 7. Stunde war ICH auch immer seehhhrrrr motiviert. Ganz besonders Freitag!!

    Coole Idee diese Situation, dir (und auch den Schülern) etwas zu erleichtern!!

  • Merry

    Hallo, da hast du wirklich eine tolle Idee gehabt.
    Da ich auch vorhabe das einjährige Referendariat in Sachsen zu absolvieren und ich dazu einige Fragen hätte, würde ich mich freuen, wenn du Kontakt zu mir aufnehmen könntest.
    Vlg:-)

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