Langsam wird es mir zu bunt

Langsam wird es mir zu bunt

Mittwoch, 6. Stunde. Ich fange gerade erst an zu unterrichten. Eigentlich ist der Mittwoch mein kurzer Arbeitstag in der Schule, der sonst mit 4 bis 8 Unterrichtsstunden gefüllt ist. Ich sollte ruhig, ausgeglichen und gelassen agieren, sollte man meinen. Also eine prima Gelegenheit, ein wunderbares Zwiegespräch mit einem Fünftklässler zu führen, dass mich zum Nachdenken bringt. Dabei merke ich, dass ich mich in den letzten drei Jahren merklich verändert habe.

Zwiegespräche im Unterricht

Im Studium und Referendariat lernt man eigentlich, Zwiegespräche tunlichst zu vermeiden. In der Praxis kommt das dennoch vor. Der Rest der Klasse ist nicht involviert, man riskiert in Auseinandersetzungen einen Autoritätsverlust und Unstimmigkeiten vor der versammelten Mannschaft auszutragen, war sowieso noch nie eine gute Idee. Eigentlich!

Vor mir sitzen 15 Schüler unserer neuen 5. Klassen. Bunt gemischt zu einer Schnupperstunde, in der ich begeistern möchte, aber die Schülerinnen und Schüler auch kennen lernen möchte. Dazu gibt es unter anderem ein paar Knobelaufgaben, welche die Schüler auf einem eigenen Blatt lösen sollen. Damit beginnt diese Episode. Ordnung muss sein, denke ich mir immer häufiger, daher kommt von mir die klare Instruktion, die Aufgaben mit einem Füller zu lösen. Ein Bleistift kann verwendet werden, wenn man sich nicht sicher ist.

Eine Federtasche voll mit Neonstiften

Uwe (Name natürlich in einen nicht zeitgemäßen Namen geändert, Anm. des Autors) kann das nicht nachvollziehen und wählt einen neongelben Stabilo, um seinen Namen 15 cm breit über das Blatt zu schreiben. Das sieht etwas so aus.

Uwe

Das bemerke ich immerhin und erkläre ihm, dass man Neongelb nun wirklich nicht lesen kann und er Bleistift oder Füller verwenden soll. Fast wirkt das wie eins dieser FDP-Wahlplakate. Uwe nimmt stattdessen den neonorangen Marker. Auch keine gute Wahl, versuche ich ihm mit meinem Kopfschütteln zu vermitteln. Der Rest der Schüler arbeitet bereits, aber verfolgt die Szene naturgemäß zunehmend interessierter. Uwe präsentiert nun den neongrünen Stift. In der Federtasche scheint alles zu sein, nur kein Bleistift oder Füller. Ich atme schon hörbar ein und aus und erkläre in aller Ruhe, warum auch neongrün keine gute Wahl darstellt und unterstreiche meine Forderung. Uwe wählt Neonblau. Damit kann er Leuchtreklamen entwerfen, aber die Aufgaben vermutlich nicht lesbar lösen. Wir kommen dem Ziel näher, aber auch Argumente, dass er nicht radieren kann, der Kontrast ungünstig ist und die Mine viel zu breit ist, prallen an ihm ab. Ich habe sowieso noch nie verstanden, warum Schülerinnen und Schüler die gesamte Stabilo-Produktpalette mit sich führen und im Unterricht zeitweise zu einer Wand im Stil des römischen Limes aufbauen. Alle, der gefühlten 37 Filzstifte hat noch nie ein Schüler in einer Unterrichtsstunde verwendet, bilde ich mir jedenfalls ein.

Und die Auseinandersetzung vor versammelter Klasse gewinnt …

Uwe! Der Blogtitel verrät, dass ich Farben mag, aber jetzt wird es mir zu bunt. Mit meiner Geduld geht es jedenfalls dem Ende entgegen und ich bitte Uwe, dass ich selbst in seiner Federtasche nach einem geeigneten Schreibutensil suchen darf. Gestattet. Ich präsentiere nach kurzer Suche immerhin einen schwarzen Fineliner und sehe mich fast am Ziel. Inzwischen verfolgen die anderen 14 Gesichter das Treiben aufmerksam und überdenken ihre Stiftwahl vielleicht auch schon. Fast eine Minute ist verstrichen, gefühlt aber länger als eine Debatte im Bundestag. Schlussendlich erkläre ich ihm, dass der schwarze Stift eine deutliche Verbesserung gegenüber der neonfarbenen Palette darstellt, wenngleich es noch immer kein Bleistift oder Füller ist. Ich will mich gerade abwenden und mich den eigentlich wichtigen Dingen zuwenden. Da bemerkt Uwe, dass er doch auch einen Füller hat und auch den benutzen kann. Mich trifft fast der Schlag – jetzt gehe ich aber wirklich und diskutiere nicht weiter. Das letzte Wort geht an Uwe. Schnell noch eine Notiz an mich: der Schüler gewinnt immer! Immerhin habe ich nicht kapituliert.

Die Moral von der Geschicht‘

Nach etwas mehr als drei Jahren in der Schule, hat sich einiges geändert, früher wäre ich wahrscheinlich gar nicht darauf eingegangen oder hätte es gar nicht bemerkt. Als „cooler junger“ hat mich das Schreibgerät der Schüler nur marginal beschäftigt, da hatte ich noch ganz andere Sorgen. Inzwischen versuche ich auch so etwas zu beachten, immerhin sollen die Schüler wenigstens die Möglichkeit erleben, strukturierte Mitschriften anzufertigen.

Als ich mir später das ausgefüllte Aufgabenblatt mit ein paar guten Ideen und viel Farbe anschaue, muss ich dann immerhin schmunzeln. Beharrlich war der junge Mann immerhin. Auch wenn das Blatt jetzt aussieht wie ein Wahlplakat der Grünen.

Ich finde scheinbar immer wieder mal Spaß an dieser Art von Gesprächen. Allerdings reagiere ich auch viel schneller gereizt und meine Haut ist dünner geworden. Blasser noch dazu. Was sich aber noch nicht geändert hat ist, dass ich für gewöhnlich selbst der größte Unruheherd in der Klasse bin. Im Zusammenspiel mit Uwe eine tolle Kombination. Aber das macht mich als Lehrer vielleicht auch aus, Mein Markenzeichen sollte ich mir am besten patentieren lassen oder gleich ein Corporate Design für meine eigene Unruhemarke entwerfen. Dann aber in Neongelb!

2 Gedanken zu “Langsam wird es mir zu bunt

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