Der letzte macht das Licht aus: mein erster Weihnachtsball

Der letzte macht das Licht aus: mein erster Weihnachtsball

Schulveranstaltungen sind ja so eine Sache für sich. Zum einen sind Konzerte ein prima Rahmen, Schülerinnen und Schüler einmal außerhalb des Unterrichts zu sehen und über Talente und Fähigkeiten zu staunen. Zum anderen gibt es noch Tanzbälle, die sind eine andere Kategorie. Auch hier bestaunt man das Verhalten von Schülern, denn das ist meist ein völlig anderes als das bekannte Bild: ausgelassene Stimmung, lockere Gespräche, tanzen oder zappeln und die ganzen Zärtlichkeiten, für die im Unterricht kein Platz ist. Im Dezember haben mich Schüler gefragt, ob ich den jährlichen Weihnachtsball an der Schule beaufsichtigen könne. Ich kann sowieso selten Nein sagen und so verbringe ich auch einmal einen Abend freiwillig in der Schule. Und zum Schluss heißt es: der letzte macht das Licht aus, aber vorher ist viel passiert und ich habe wieder viel über mich und meine Rolle im Mikrokosmos Schule verstanden.

Der Alien schleicht über den Gang

Um 20:30 Uhr übernehme ich die Aufsicht. Die Schüler organisieren alles selbst, ich bin der einzige Lehrer und ich fühle mich wie ein Fremdkörper zwischen den 100 Schülern. Wie ein Alien, der über den Gang schleicht, wie ein Kontrollwütiger, der immer wieder die Fenster zu macht, damit die Nachbarn sich bloß nicht beschweren. Danach wird mir gesagt, dass das jetzt nun einmal so ist und sich genauso anfühlen muss. Es liegt möglicherweise daran, dass ich kein Schüler mehr bin, okay – verstehe ich sogar. Ich darf also gar nicht dazu gehören. Aber so schlimm bleibt es dann doch nicht.

Zauberhaft

Nach dreißig Minuten erlöst mich ein Schüler und führt mir eine unentwegt seine Zaubertricks vor, die er seit drei Jahren übt. Ich staune nicht schlecht, schließlich bekomme ich bei solchen Tricks nie mit, was da eigentlich passiert. Da bin ich ein dankbares Publikum. Der Schüler hat heute seinen großen Tag. Später am Abend wird die Traube um seinen Stehtisch immer größer und der Zauberlehrling genießt die Einlage vor 20 Personen sichtlich und zu Recht. So viel Übungszeit und Ehrgeiz muss auch mal belohnt werden. Also doch alles wie immer, wie bei den Schulkonzerten?

Danach scheinen sich alle an den Alien/Lehrer gewöhnt zu haben und auch andere trauen sich, Gespräche mit mir nach einem Satz fortzuführen. Das Gefühl, hier völlig deplatziert zu sein weicht langsam.

Wie auf dem Hochsitz

Wie der Jäger auf dem Hochsitz genieße ich dann die neue Rolle, immerhin ist es meine erste abendliche Schulveranstaltung, bei der ich niemanden fragen kann oder muss, wo dies und jenes liegt oder wie dies und das üblicherweise gemacht wird. Ich sitze also auf dem Orgelhocker in der Ecke und überblicke die Aula. Der Blick über die Tanzfläche zeigt immer wieder das gleiche Bild. Einige tanzen wild, ein paar albern, irgendwer ist verliebt und in der anderen Ecke knutscht immer noch das eine Pärchen. Irgendwo im Raum fließen kurz ein paar Tränen und nach 5 Minuten scheint wieder alles vergessen. Sieht aus wie ein Schulball im Jahr 2002, also vor 15 Jahren, als ich in dem Alter war. Insgesamt wirkt das alles fast unbeschwert und leicht.

Es gibt die unwahrscheinlichsten Kombinationen. Da tanzt Klein mit Groß, Mädchen mit Mädchen, Junge mit Junge, samtrote Christbaumdekoration mit T-Shirt-Typ und Mathe-Ass mit Punkerin. Alle tanzen mit dem, was halt so da ist. Ich hätte mir in dem Alter vor Berührungsängsten wahrscheinlich in die Hose gemacht. Diejenigen, denen es ebenso gehen würde, sind heute scheinbar zu Hause geblieben. Heute gucke ich aus angenehmer Distanz zu und Angstschweiß rieche ich auch keinen mehr.

Anflüge von Angstschweiß

Anflüge von Panik gibt es dann aber doch: spätestens als aus dem Subwoofer Mr C mit dem Cha Cha Slide dröhnt. Die Hymne aller Tanzschüler fordert das rhythmische Stampfen und Hopsen.  Als es dann heißt:

Turn it down, to the left
Take it back now ya’ll
5 hops this time
Right foot let’s stomp, left foot let’s stomp
Right foot again, left foot again
Right foot let’s stomp, left foot let’s stomp

… bekonme ich doch noch Angst und zwar,  dass der Boden unserer Schule, die sich seit Jahren vom Weihnachtsmann eine Sanierung wünscht, einbricht. Während das Parkett knarzte und die Schwingungen des Bodens immer spürbarer wurden, machte ich mir dann aber lieber Gedanken darüber, wie man die Amplitude der Schwingung messen könne und hoffte, dass bloß nicht der Resonanzfall eintritt.

Damals und heute

Dennoch kam mir der Weihnachtsball seltsam vertraut vor. Alles ist hübsch dekoriert, der Dekoschnee ist verteilt und die Schüler haben noch Papiersterne in den letzten drei Stunden vor Beginn des Balls gebastelt. In meiner Schulzeit hießen diese Veranstaltung zwar Frühlings- und Herbstball, aber es spielten sich die gleichen kleinen und großen Dramen ab. In den letzten 15 Jahren hat sich scheinbar nicht viel verändert. Der Eintritt kostet immer noch zwei Euro, dafür bekommt man ein Freigetränk und die Schülerfirma tischt Schnittchen und wahlweise Cola/Fanta/Sprite in Plastikbechern auf.

Neu ist aber die technische Umsetzung. Musste früher ein Schüler oder eine Schülerin als DJ herhalten, der dann auch gnadenlos abgestraft wurde, wenn die Musik nicht jedem gefiel,  ist die Musikauswahl demokratischer geworden. Das Resultat klingt wie eine verunglückte Playlist von Spotify. Die Songs müssen nicht mehr illegal beschafft werden. Stattdessen streamen die Schüler die Musik jetzt vom heimischen NAS direkt auf die Schulanlage, natürlich nicht über das langsame W-Lan der Schule, sondern via Tethering mit LTE. Damit der Datentarif auch noch bis zu den Weihnachtsfeiertagen durchhält, wechseln sich vier Smartphones beim tethern ab und wenn die Datenrate stimmt, klingt die Musik auch wieder so gut, dass es keine Buhrufe gibt.

Von den Hits der guten alten Schlagerparty und Helene geht es dann zum roten Pferd und den Backstreet Boys, weiter zu und massentauglichen Gangnam-Tanz und Ed Sheeran, damit die Paare wieder schmusen können. Allerdings kann ich mich nicht daran erinnern, dass zu meiner Schulzeit nach jedem Lied frenetisch geklatscht und gejubelt wurde. Meine Erkenntnis vom Hochsitz ist schließlich, dass Cha Cha Cha scheinbar zu jedem Titel passt und es die schiebenden Kampfterriertänzer auch schon in der 9. Klasse gibt, die jeden freien Quadratzentimeter der Tanzfläche erobern wollen und ihre Tanzpartnerin dabei immer wieder gegen andere Damen bugsieren. Aber schön ist es trotzdem, wenn die Schüler ihre frischen Tanzschul-Skills erstmalig auf’s Parkett bringen können.

Dekoschnee im Handstaubsauger

Um Zehn ist Schluss. Keine Zugabe, kein Gequengel, ich bin begeistert. In 15 Minuten hat das Aufräumkomittee beinahe den Urpsrungszustand wiederhergestellt. Das Unterfangen, den guten Dekoschnee für 4,95 € mit dem Akku-Handstaubsauger und seinem Fassungsvermögen von 50 ml einzufangen ist aber gescheitert. Eine Wiederverwendung scheint sowieso fragwürdig. Auch hier setzt sich Tradition in Form von Besen und Kehrblech durch. Als alle fertig sind habe ich noch eine Überraschung für alle. Ich bringe den Mülleimer mit Dekoschnee weg, der mir in den Händen auseinanderfällt. Da liegen sie also wieder, die 10 Liter Dekoschnee. Nur weihnachtlich und romantisch sehen die jetzt nicht mehr aus.

Nachdem sich alle über diese tolle Überraschung gefreut haben fehlt nur noch Eins: der Letzte macht das Licht aus. Mit Taschenlampe und Generalschlüssel schreite ich durch die leeren Gänge: bloß kein Licht anlassen, bloß keinen Schüler in den Toiletten vergessen und einschließen. Nach weiteren 10 Minuten ist auch das geschafft, die Alarmanlage gibt ein nie enden wollendes Hupgeräusch von sich – alles richtiggemacht. Triumphierend gehe ich zum Auto. Die Schüler haben anständig gefeiert, die Schule steht noch und ist nicht abgebrannt, niemand hat sich übergeben und einen Krankenwagen brauchten wir auch nicht. Nur im Lehrerzimmer, da ist noch Licht an.

In diesem Sinne wünsche ich allen, nicht perfekte, aber schöne Weihnachten, bei der die Zeit mit Freunden und Familien im Vordergrund steht und man den Blick vom kitschigen Dekoschnee und all dem abwendet, was eigentlich gar nicht so wichtig ist. Frohe Weihnachten zusammen!

 

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