Diagramm Toilettengänge Abitur

Das schriftliche Abitur von der anderen Seite – Pfadfinderlager in Jogginghosen

Das schriftliche Abitur ist in Sachsen absolviert. Zuletzt mussten sich die Schülerinnen und Schüler (im nachfolgenden aufgrund der besseren Lesbarkeit Schüler genannt, aber wir können auch das neue genderneutrale Schülerx benutzen – Kommentare sind dazu gerne gesehen) durch das Mathematik-Abitur kämpfen. 4 Stunden im Grundkurs, 5 Stunden im Leistungskurs. Ich hatte einige Aufsichten während der Abiturprüfungen, darunter auch läppische zwei Stunden während des Mathe-Abis.
Doch seit ich vor einigen Jahren den Kopf im Abi dampfen ließ, ist einiges passiert. Studium, Beginn des Referendariats und auf einmal mit der Prüfungsaufsicht betreut. Wie konnte es nur so weit kommen?
Dass man die Seiten gewechselt hat, merkt man spätestens dann, wenn man Schülerinnen und Schüler innerlich anfeuert. Im Englischabitur steht den Schülern beispielsweise ins Gesicht geschrieben, ob sie gerade eine Idee oder Vokabel suchen. Durch meine Anfeuerungen konnten sie dann aber immer innerhalb von einer halben Minute weiterrechnen. Da lohnt sich der Einsatz einer Aufsicht doch!
Noch zu klären ist, ob im schriftlichen Abitur eine Zopfpflicht für die Damen besteht? In meinen Stichproben konnte ich feststellen, dass 80% bzw. 90% der Schülerinnen die Prüfung mit hochgesteckten Haaren oder mit Zopf bestritten. Zu prüfen ist auch, ob es nicht sogar einen Zusammenhang zwischen Zopfquote und Fach gibt. Dieser Untersuchung werde ich meine kommenden 10 Dienstjahre dedizieren. Fakt ist aber, dass die Herren der Schöpfung es da leichter haben!
Auffällig ist auch, dass es kaum Unterschiede zwischen der fünften und der zwölften Jahrgangsstufe gibt. Zwar muss ich die älteren Schüler der Sekundarstufe II mit „Sie“ ansprechen, aber im Abitur fallen genauso viele Gegenstände herunter, wie in einer Doppelstunde bei den Kleineren. Da werden Lineale, Stifte, Geodreiecke, Schnitten, Blätter und Tischkärtchen in Richtung Boden beschleunigt, aber das ist kein Wunder. Die Tische der Abiturienten sind mit allerlei nützlichen Utensilien bepackt, Getränke, Schokoriegel, Tafelwerke, Wörterbücher, Ersatzbatterien für den Taschenrechner (so fatalistisch muss man erst einmal denken bzw. es drauf ankommen lassen), Bemmen, Glücksbringer, Wecker und Uhren und zu guter Letzt Aufgaben, Blätter und noch mehr Blätter. Bei dieser Ansammlung wirkt die Prüfung fast wie ein Pfadfinderlager. Durch die bequeme Kleidung – es ist schließlich der einzige Tag des Jahres, an dem Jogginghosen an der Schule salonfähig sind – kommt fast das Feeling einer Klassenfahrt auf. Überleben würden sie die in jedem Fall, oder fünf Tage eingeschneit in einer Höhle. Die Nahrungsvorräte würden wahrscheinlich ausreichen. Überhaupt ist es verwunderlich, dass noch kein großer Brause- oder Futterkonzern auf die Idee gekommen ist, Abiturienten in Sachen Versorgungslage zu sponsern. Red Bull (das Fußball-Engagement steht schließlich auf wackeligen Beinen in diesen Tagen), Dextro Energy und Co. könnten ihren Namen für ein Leben lang mit den „tollen Erlebnissen“ während des Abiturs verknüpfen. Vielleicht liegt da auch der Grund, warum es nicht längst so ist. So schnell wie ein Abiturient das Mathe-Abitur vergessen will, wäre das Engagement vergessen. Vielleicht ist es ganz gut so.
Aber zurück zur Schwerkraft – es ist also bei der Menge an Gegenständen kein Wunder, dass die Entropie des Gesamtsystems Prüfungsplatz immer weiter zunimmt und der Schüler in Folge dessen Arbeit aufwenden muss, um die Unordnung zu bekämpfen. Aber diese Pause kommt vielleicht sogar ganz gelegen, schließlich wird von den Schülern einiges abverlangt und Pausen müssen während einer Bearbeitungszeit von 240 oder 300 Minuten gemacht werden.
Aber fast vergessen: inzwischen sitze ich ja auf der anderen Seite. All das täuscht folglich nicht über den Spaß hinweg, den man während der Aufsicht einer Abiturprüfung haben kann. Die größte Schwierigkeit besteht zum Teil darin, sich 90 oder gar 120 Minuten auf die Aufsicht, so fast ohne echte Tätigkeit, zu konzentrieren. Zu viel durch die Reihen schweifen möchte man nicht, um die Schüler nicht unnötig zu verunsichern und Hektik zu verbreiten. Zu viel Sitzen möchte man nicht, weil man nicht durchgängig die Arbeitsplätze mit seinem Röntgenblick überschweifen kann. Immerhin bekommt man die Möglichkeit, die Toilettengänge der Schüler zu protokollieren. Diese Datenerhebung kann einen natürlich weiterbeschäftigen und schon sind die zähen Minuten der Aufsicht vorbei. Darüber Statistik zu führen ist zweifelsfrei völlig gehaltlos und unsinnig, auch wenn ganz Verwegene feststellen werden, dass zu Prüfungsbeginn niemand auf Toilette geht und es dann nach den ersten 150 Minuten der Prüfung zu einem wahren Rausch kommt. Erfahrene Lehrkräfte werden sich in ihrer Erfahrung bestätigt sehen, auch wenn die Datenmenge nicht wirklich repräsentativ ist.

Diagramm Toilettengänge Abitur

Abb. 1: Eigene Erhebung der Toilettengänge Abitur mit absoluter Häufigkeit und durchschnittlicher Dauer in Abhängigkeit der Prüfungszeit.

Zusammenfassend bin ich aber froh, dass ich in den ersten Monaten meines Referendariats über die Aufsichten und Zuhörerschaft in mündlichen Prüfungen schnuppern kann. Denn die Korrektur des Abiturs und das eigene Verantwortlich-sein für Prüfungen kommt schon früh genug.

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