roter Alarm Knopf

Referendar in Alarm-Bereitschaft: Mit dem Rücken zur Wand

Das konnte ja kein guter Tag werden: aber ein lehrreicher wurde es dennoch. Heute habe ich gelernt, wie man mit dem eigenen Hinterteil Alarm auslöst und wie man dann trotz nervtötender Geräusche weiter unterrichtet. So etwas haben wir im Studium nicht gerlernt. Doch von Anfang an… Auf dem Weg zur Schule war ich so sehr in mein E-Book vertieft, dass ich fast vergessen hätte, am richtigen Bahnhof auszusteigen. Immerhin war da ein kurzer Blick aus dem Fenster mit dem irritierenden Gedanken, dass mir der Bahnhof sehr bekannt vorkommt. So konnte ich mich immerhin noch aus der Bahn befreien. Aber nach der Nudelsalat-Panne der Vorwoche sollte auch diesen Donnerstag wieder einiges passieren. Der Tag hätte dabei schön entspannt sein können, immerhin hatte ich mal wieder einen Stundenausfall. Die fünfte Klasse musste zum Sportfest antreten, anstatt Drehungen und Verschiebungen zu behandeln, mussten sie diese selbst ausführen.

Vorspiel – Das Ziegenproblem

Im Mathematikunterricht der Sekundarstufe II (der ist nicht ausgefallen) wollte ich die Schülerinnen und Schüler dann mit der Simulation von Zufallsexperimenten erfreuen. Der Referendar als Showmaster eröffnete den Unterricht geschickt mit dem Ziegenproblem. Hinter drei Toren (in unserem Fall Lehrbüchern) verbergen sich zwei Ziegen (Bleistifte) und ein Auto (Spielzeugauto).  Der Spieler entscheidet sich zunächst für ein Tor, woraufhin der Showmaster ein Tor öffnet, hinter dem sich eine Ziege befindet und welches der Spieler nicht gewählt hatte. Daraufhin erhät er die Möglichkeit, seine Entscheidung noch einmal zu überdenken und zu wechseln. Die Schüler sollen durch eine Simulation mit dem CAS-Rechner ermitteln, ob sich ein Wechsel lohnt, also ob die Gewinnchancen durch einen Wechsel höher oder geringer ausfallen. Die Gewinnchancen erhöhen sich tatsächlich, verdoppeln sich bei drei Toren sogar von [latex size=0 color=000000 background=ffffff]\displaystyle \frac{1}{3}[/latex] auf  [latex size=0 color=000000 background=ffffff]\displaystyle \frac{2}{3}[/latex] . Ziel der Übung war es also, mit der Simulation und danach mit einem Baumdiagramm ans Ziel zu kommen. Bis zu diesem Moment der Stunde war fast alles gut!

Ziegenproblem

Das Ziegenproblem im Stochastik-Unterricht der SEK II: Wo ist die Ziege?

Aber nun zum eigentlichen Thema – Wie kam es zum Alarm?

In den verbliebenen dreißig Unterrichtsminuten sollte eine Übungsphase folgen. Bis dahin gefiel mir die Stunde schon selbst nicht mehr, doch es sollte noch besser kommen. In der anschließenden Übungsphase ist der Versuch, mich zur Beantwortung einer Frage auf Augenhöhe zum Schüler zu bewegen kläglich gescheitert.

Meine Strategie: mit dem Rücken zur Wand, Beine leicht anwinkeln, Oberkörper etwas nach vorne lehnen, Po raus.

Das Gespräch wurde jedoch durch ein schrilles Piepen gestört, dass sich dann auch noch wiederholte. Was war passiert? Das Hinterteil, dass leider zu jedem Referendar gehört, berührte den nicht abgedeckten Alarmknopf und schon ging es los. Wozu dieser Knopf dort ist, hat sich mir bisher noch nicht erschlossen, aber er ist nun einmal da. In Gedanken habe ich schon die Rechnung der Feuerwehr in mein Fach im Lehrerzimmer flattern sehen. Ein Schüler bot an, doch gleich den Hausmeister anzurufen, um ihn über den Fehlalarm zu informieren. Handyverbot im Unterricht also umgangen, ist ja schließlich eine Notsituation. Es war natürlich auch eine Stunde, in der eine Hospitation stattfand, die zweite Lehrkraft also auf ins Sekretariat. Leider vermeldete der Hausmeister nur kurz, dass er in der nächsten Stunde keine Zeit zum abstellen des Alarms habe. Schade eigentlich. Nachdem mir die Schüler erklärten, dass es kein zentraler Alarm war, den ich da ausgelöst hatte, war ich etwas erleichtert. Immerhin hatte sich die ganze Schule noch nicht auf dem Pausenhof eingefunden. Also piepte es fortwährend, es war ja niemand in der Nähe, der befähigt war, das Getöse abzustellten. Aber es hilft ja alles nichts, da kenne ich kein Pardon: wir machen einfach weiter. Das das ignorieren des Alarms in den kommenden 25 Minuten doch nicht so leicht war, wie erhofft, zeigte sich darin, dass sich einzelne Schüler im Unterrichtsgespräch die Ohren zu hielten. Beste Arbeitsbedingungen. Die Stunde ging dann aber auch irgendwie zu Ende und nach der Stunde konnte ich meine Schmach gegenüber der Schulleiterin eingestehen, die mich dann aber immerhin mit den nötigen Utensilien ausstattete, um das Geräusch abzustellen.

Betrachtet man die Misere aus einem anderen Blickwinkel, kann man dem Ganzen sogar etwas Positives abgewinnen. Die Lehrkraft ist schließlich stets in der Verantwortung, die Schüler zu unterhalten. Fazit: das habe ich geschafft! Außerdem wurde mir von meinen Mentoren augenzwinkernd gestattet, im Referendariat auch Fehler machen zu dürfen. Solchen Verpflichtungen muss man ja auch nachkommen. Ich befürchte nur, dass mir diese Art von Missgeschicken und Tollpatschigkeit nicht so leicht abhanden kommen wird. Dann ist wenigstens einmal etwas los, in meinem Unterricht!

Erst später fiel mir ein, mit welchen Möglichkeiten ich noch hätte reagieren können. Da ein Großteil des Kurses auch den Physik-Lesitungskurs belegt hätte man auch die Frequenz des nervtötenden Geräuschs oder die Periodizität ermitteln können. Mit den Werten der Schüler dann gleich noch eine ordentliche Fehleranalyse inklusive Standardabweichung und die Stunde wäre auch vorbei gegangen.

Aber auch dieser Tag ging vorbei, und aus Fehlern und Missgeschicken kann man ja lernen. Aber nicht nur mich hat die Sache noch länger beschäftigt. Am folgenden Tag kam einer der Schüler auf mich zu und gab zu:

Herr Jott, ihre Einsatzbereitschaft hat mich gestern noch länger beschäftigt. Ich habe sogar davon geträumt.

Na also! Wenn es so einfach ist, in das Unterbewusstsein der Schüler einzudringen ist doch alles prima. Jetzt muss ich das nur noch ohne Alarm, dafür aber mit Inhalten und Kompetenzen schaffen, und alles ist im Lot!

 

Bildquelle: Maik Meid (flickr.com)

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2 Kommentare

  • Herr Jott

    Sind euch schon ähnliche Missgeschicke im Unterricht oder der eigenen Schulzeit passiert? Eure Antworten würden mich interessieren.

  • Herr Jott

    Ein kleiner Nachtrag. Ich habe inzwischen erfahren, dass der Alarm tatsächlich nichts auslöst oder irgendwo zu hören ist. Er sorgt kurioserweise also nur für Lärm im Klassenzimmer. Kuriose Dinge passieren da, in diesen Schulen.

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